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Das Drei-Welten-Modell nach Dr. Held

Die sich stetig verändernde Lebenswelt von demenziell erkrankten Menschen wurde von dem Gerontopsychater Christoph Held unter dem Begriff „Drei-Welten-Konzept“ beschrieben.

hierbei handelt es sich um ein spezielles Betreuungskonzept für Menschen mit Demenz in stationären Einrichtungen.

Das "Drei-Welten-Konzept"

Das besondere dieses Konzeptes ist, dass das jeweils dominante Erleben der Betroffenen dem demenztypischen Stadium zugeordnet wird und sich die Handlungsweise der Betreuenden darauf ausrichtet.

Die folgenden drei dominanten Erlebniswelten arbeitet Held heraus:

  1. die Welt der kognitiven Erfolglosigkeit
  2. die Welt der kognitiven Ziellosigkeit
  3. die Welt der kognitiven Schutzlosigkeit

Diese drei dominanten Erlebniswelten beinhalten unter anderem eine spezielle Milieugestaltung, Beziehungsgestaltung sowie spezielle Formen der Anregung und Entspannung.

Ein weiterer Aspekt dieses Konzepts ist es, die jeweiligen mit der demenziellen Erkrankung einhergehenden Kompetenzverluste zuzulassen, ohne die noch vorhanden Ressourcen aus dem Auge zu verlieren.

Das Eintreten in die jeweilige Erlebniswelt (abhängig von der Demenzstufe) findet durch einen Wechsel auf die jeweilige Station (Welt) statt. Ziel ist es, den Betroffenen seinem Erkrankungsstadium entsprechend zu betreuen und zu pflegen, um so die Lebensqualität möglichst lange zu erhalten. Im Folgenden sollen die drei Erlebniswelten kurz vorgestellt und erläutert werden.

Die Welt der kognitiven Erfolglosigkeit

Betroffene im ersten Stadium der Demenz sind häufig eher antriebsschwach und ziehen sich aus sozialen Kontakten zurück. Gründe dafür liegen sicherlich in einer bereits eingeschränkten Alltagskompetenz. Merkfähigkeit, Organisationsfähigkeit und Urteilsvermögen sind im frühen Stadium bereits eingeschränkt.
Der Kontakt mit anderen Menschen – vor allem in Unterhaltungen – erfordert nun ein hohes Maß an Aufmerksamkeit.
Immer häufiger geht nun in Gesprächen der Gesprächsfaden verloren, Wörter werden gesucht, Inhalte nicht mehr ausreichend verstanden oder an die Inhalte kann nicht mehr angeknüpft werden.
So geraten Menschen mit leichter Demenz in ihrem Alltag und Sozialleben immer mehr unter Druck, weil die selbstverständliche Kompetenz souveränen Handelns verloren geht.

Wo setzt das Drei-Welten-Konzept an?
Es knüpft an dem nun immer stärker werdenden Bedürfnis nach Entspannung, Ruhe und Stärkung des Selbstwertgefühls an. Dies soll durch das Leben in kleinen Wohngruppen mit betreuenden Personen, einem geregelten, jedoch nicht starren, Tagesablauf gewährleistet werden. Die Wohngruppen sind familienähnlich organisiert und es werden Tätigkeiten, die in einem normalen Haushalt üblich sind, aufrechterhalten.

Die Welt der kognitiven Ziellosigkeit

Im zweiten Stadium der Erkrankung haben die Betroffenen den größten Teil ihrer Alltagskompetenz bereits verloren. Geplantes, absichtsvolles oder abstraktes Denken ist kaum mehr möglich. Sprache sowie Sprachverständnis ist bereits so stark beeinträchtigt, dass verbale Kommunikation kaum mehr möglich ist.
Durch die nun massiv auftretenden Orientierungsschwierigkeiten (örtlich, zeitlich, persönlich) werden Orte, Gegenstände und Personen häufig nicht wiedererkannt und müssen so neu gesucht, entdeckt und gefühlt werden. Die Betroffenen laufen scheinbar ziellos und suchend umher und werden zunehmend von inneren und äußeren Impulsen gesteuert.
Durch die zunehmenden Hirnabbauprozesse sind Filtermechanismen und Regulationssysteme, welche „Realität“ herstellen, bereits so stark beeinträchtigt, dass starke Unruhe und Ängste immer häufiger auftreten (Furchtsyndrom). Dein und Mein, gelernte soziale Normen und Objektpermanenz gehen verloren.

Wo setzt das Drei-Welten-Konzept an?
Die Milieugestaltung der zweiten Welt sieht vor, dem Bewegungsdrang des Betroffenen durch eine spezielle Wohnumgebung Raum zu geben. Spontaneität und Absichtslosigkeit im Handeln der Betroffenen werden zugelassen. Der Kontakt ist auf therapeutische Beziehungsgestaltung fokussiert und bietet bedingungslose Wertschätzung, Kongruenz und Empathie. Das Personal ist auf die veränderte Kommunikation geschult. Die Tagesstruktur wird tolerant und flexibel organisiert. Ziel ist es, Stress (Stressoren) zu reduzieren, Sicherheit zu vermitteln und individuelle Autonomie zu fördern.

Die Welt der kognitiven Schutzlosigkeit

Im dritten Stadium der Demenz, also in ihrer schwersten Ausprägung, sind die Betroffenen nicht mehr in der Lage, verbal zu kommunizieren. Auch auf die noch recht lange erhaltenen automatisierten Sprachmuster wie Begrüßungsformeln, Sprichwörter und Redewendungen und Lautäußerungen kann nicht mehr zugegriffen werden. Ebenfalls ist die nonverbale Kommunikation über Gestik und Mimik, so stark beeinträchtigt, dass es eines hohen Maßes an Wahrnehmungsfähigkeit und Empathie der Betreuenden bedarf, diese noch wahrzunehmen. Die körperliche Immobilität ist soweit fortgeschritten, dass die Betroffenen nicht mehr in der Lage sind, ihre Position selbständig zu verändern oder gezielte Bewegungen auszuführen. In dieser Erlebniswelt sind sie den sie umgebenden Außenreizen (und höchstwahrscheinlich auch Innenreizen) völlig schutzlos ausgeliefert. Sie können sich diesen nicht mehr entziehen, ihnen ausweichen oder sie relativieren. Durch den nun massiven hirnpatholgischen Abbau sind viele Steuerungsprozesse des Körpers (Immensestem, Atmung, usw.) so stark beeinträchtigt, das die Gefahr von Infektionen, Atemstörungen und Aspirationen enorm zunimmt.

Wo setzt das Drei-Welten-Konzept an?
Hier ist das oberste Ziel das Herstellen von relativem Wohlbefinden durch spezielle Angebote von angenehm empfundenen Reizen (bspw. Basale Stimulation bei gleichzeitigem Schutz vor Reizüberflutung und Stress). Dem Verlust der Körpergrenzwahrnehmung wird durch spezielle Lagerungstechniken entgegengewirkt. Durch palliative Maßnahmen sollen Schmerzen vermieden werden. Dem Personal wird ein hohes Maß an Wahrnehmungsfähigkeit und Empathie abverlangt.

unterstützende Literatur: Handbuch Demenz von Ulrich Kastner, Rita Löbach. Elsevier-Verlag, München.

Anregung zur Diskussion

Das hier vorgestellte Konzept des Schweizer Gerontopsychiaters Christoph Held ist sicherlich eine von vielen Möglichkeiten, auf die speziellen Bedürfnisse von demenziell erkrankten Menschen einzugehen. Jedoch wird hier ein hohes Maß an Struktur, Organisation und personaler Bereitstellung abverlangt.
Mit der zunehmenden Zahl demenziell erkrankter Menschen ist es auch für Deutschland an der Zeit, sich neuen Modellen wie dem Drei-Welten-Konzept anzunehmen. Ganz sicher bedarf es in der heutigen Pflegelandschaft mit ihrem starren, auf Dokumentation und einen unflexiblen Stationsalltag ausgerichteten Blickwinkel, neuer Wege, um früh auf die sich verändernde demographische Struktur reagieren zu können. Schnelle Veränderungen sind in den folgenden Bereichen erforderlich:

  • Zusammenarbeit der verschiedenen Fachrichtungen,
  • Aufstockung des Personalschlüssels sowie
  • Angeboten für Personal in den Bereichen Weiterbildung und Supervision.

Abschließend sei noch auf einige Pflegeeinrichtungen in Deutschland verwiesen, die sich am Drei-Welten-Konzept in der Betreuung und Pflege orientieren:

Mein ganz besonderer Dank gilt Maria Bennies für die Idee für dieses Essay sowie Kristian Dressler für die redaktionelle Überarbeitung und technische Umsetzung.


"Drei Welten Model" als PDF herunterladen. Hier direkt als PDF erhältlich

Nachbarschaftstreffen, eine Möglichkeit, soziales Leben in stationären Einrichtungen zu erhalten. Autorin: Sabine Groß
Sabine Groß hat sich freundlicherweise die Mühe gemacht, uns ein Konzept der Aktivierung und des Erhalts von sozialem Leben in stationären Einrichtungen vorzustellen. Sie finden den Artikel unter Foliensätze/Beschäftigung.
Sabine Groß und ich, würde es freuen, wenn dieser Artikel von seinen Lesern kommentiert wird. Sagen Sie uns Ihre Meinung in Form eines kurzen Kommentars.

Viel Spaß beim Lesen wünschen Sabine Groß und Jana Marx

 

12 Gedanken zu “Ältere Artikel

  1. Hallo Frau Marx,

    seit letzter Woche bin ich mit der Fortbildung fertig und weil ich versäumt habe mich von Ihnen zu verabschieden möchte ich mich hier noch ganz herzlich bei Ihnen für Ihren tollen Unterricht bedanken ! Bei Ihnen hab ich eine Menge lernen können und es hat richtig Spaß gemacht weil sie alles so interessant und authentisch rüberbringen – man merkt Ihnen an, dass Sie mit ganzem Herzen dabei sind !

    Deshalb freue ich mich, auch weiterhin auf dieser Seite an Ihrem Wissen und weiteren Infos teilhaben zu dürfen !

    Ganz liebe Grüße von Vera Mundus.

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  2. Hallo Frau Marx^^
    Ich habe das Zeug über die Vollspektrumlamoen eingereicht bei uns im Haus. Die chefin wäre schon daran interessiert, nur habe ich bisher keine Info darüber gefunden, ich hoffe stark das sie ihre Infos gefunden haben und sie mir zusenden können, denn dann haben wir ne chance das diese im Neubau berücksichtigt werden*smile
    glg gaby

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  3. Liebe Jana Marx,

    klasse Seite. Kann mich da den anderen nur anschließen. Und klasse, Sie als eine so aufgeschlossene Dozentin gehabt zu haben mit einem sehr interessant, kompetent und anregend gestalteten Unterricht, aus dem ich viel mitgenommen habe.

    Und da tobt mir ja schon wieder das nächste Thema im Kopf: Wie sieht das eigentlich aus mit „Sexualität bei Demenz“. Allzuviel gibt es darüber ja noch nicht. Und leider leben wir ja immer noch in einer Gesellschaft, wo alleine schon Sexualität im Alter ein „ekeliges“ Tabuthema für die meisten Jüngeren ist.

    Mit lieben Grüßen
    Astrid Poneß

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  4. Hallo Frau Marx,
    freue mich dass man sehr gut auf diese Seite gelangt.
    Es werde sicherlich interssante Einträge folgen, freue mich darauf.
    LG., Martina Düchting

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  5. Hallo Frau Marx,

    ich bin froh, diese Seite nutzen zu dürfen. Könnte sich so mancher ne Scheibe von abschneiden. Vielen Dank für die Übersichtslisten!! Ich werde auch, über den Kurs hinaus, Kontakt zu dieser Seite halten. Normen hat recht, ein Bild von Ihnen wäre toll…

    Liebe Grüße
    Mary Bennies aus Duisburg

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  6. Hallo Frau Marx,

    tolle Seite, habe ja heut erst davon erfahren.
    Denke hier werde ich noch viele interessante Dinge sehen 🙂

    Kleine Anregung:
    Auf der „über mich“ – Seite würde sich ein Bild von Ihnen sehr gut machen.

    Viele Grüße

    Norman Müller, Dortmund

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    • Hallo Herr Müller,
      werde Ihre Anregung umsetzen :-). Schön dass Sie auf diese Seite gefunden haben. Ich würde mich ebenfalls sehr freuen, wenn Inhalte oder Anregungen zu Diskussionen, auch von Ihnen mitgestaltet werden.

      Lieben Gruß
      Jana Marx

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